Noch keine Rückkehr in eine »neue Normalität«

Print Friendly, PDF & Email

Neben aktuell spürbaren Auswirkungen des Klimawandels bleibt »Corona« das dominierende Thema für die Weinbranche.

Der Austrieb der Reben ist in vollem Gange. Die Vegetation ist auch dieses Jahr für Mitte April sehr weit vorangeschritten, so dass viele Winzer in den letzten Tagen bangen Blickes auf die Vorhersagen ihrer Wetterdienste und nachts auf das Thermometer blickten. Die Schäden der Nachtfröste der letzten Woche sind wohl überschaubar, erfahrungsgemäß drohen aber bis Mitte Mai Nachtfröste, die für die Reben im aktuellen Stadium fatale Folgen haben könnten. Auch die anhaltende Trockenheit bereitet den Winzern schon wieder Kopfzerbrechen. Der Deutsche Wetterdienst schrieb zuletzt, dass Deutschland in der ersten Hälfte des Monats April nur drei Prozent des durchschnittlichen Regenfalls abbekommen hatte. Reben können zwar bekanntermaßen aufgrund eines stark ausgeprägten Wurzelwerks einen Mangel an Nährstoffen oder Wasser für eine gewisse Zeit überbrücken. Langfristig werden aber Ernteausfälle drohen, sollten sich die Wasservorräte im Boden nicht stabilisieren. Neben diesen Unwägbarkeiten des Klimas bereiten die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise vielen Winzern weiterhin große Sorgen.

Anfang der Woche ist eine Reihe von Lockerungen der Restriktionen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie bundesweit in Kraft getreten. Mit diesen ersten Exit-Maßnahmen haben Bund und Länder der Gesellschaft einen ersten Weg in eine »neue Normalität« aufgezeigt. Für die Gastronomie gibt es aktuell noch keinen Weg und leider auch noch keine Perspektive zu einem achtsamen Neustart. Für die vielen, zumeist kleinen und mittelständischen Gastronomiebetriebe bedeutet diese fehlende Perspektive der vorsichtigen Öffnung eine Bedrohung ihrer Existenz.

Eine derartige Krise ist im normalen Agrarbudget nicht eingeplant.

Christian Schwörer, DWV-Generalsekretär und ddw-Chefredakteur

Auch der Weinsektor ist von den fehlenden Exit-Maßnahmen im Gastronomiebereich stark betroffen – entweder direkt als Betreiber eines Gutsausschanks oder indirekt als Lieferant der Gastronomie. In verschiedenen Tageszeitungen war von einer deutlich gestiegenen Nachfrage bei Wein im LEH zu lesen, die darauf zurückzuführen ist, dass der Weinkonsum der Verbraucher zu Hause zunimmt. Dagegen ist der Weinabsatz im Bereich Hotel und Gastronomie aufgrund der Schließungen komplett eingebrochen und bringt auf den HORECA-Bereich spezialisierte Weinbaubetriebe bereits jetzt in finanzielle Schwierigkeiten. Eine Entwicklung in der Politik, die selbstverständlich die Infektionsprävention priorisiert, aber zeitgleich Modalitäten oder einen Zeitplan für einen Neustart einer verantwortungsbewussten Gastronomie vorsieht, wäre auch für die auf diesen Vertriebskanal spezialisierten Winzer ein großer Lichtblick (vgl. S. 7: Online-Petition #restartGastro – Perspektiven für einen achtsamen Neustart der Gastronomie schaffen).

Klar ist, dass im Hinblick auf die Dauer des Lockdowns der Gastronomie Instrumente wie Kurzarbeitergeld, Soforthilfen und KfW-Programme nicht ausreichen werden, sondern eine spezielle Soforthilfe für diesen Sektor notwendig sein wird. Anfang dieser Woche forderten daher EU-Abgeordnete im Rahmen der Sitzung der Intergruppe Wein des EU-Parlamentes neben der Zulassung von Krisenmaßnahmen für den Weinsektor auch einen Rettungsfonds  für Gastronomie und Tourismus.

Die EU-Kommission ist prinzipiell gewillt, den Mitgliedstaaten die Umsetzung von Krisenmaßnahmen im Weinsektor zu ermöglichen. Jedoch sollen diese nach ihrer Auffassung aus dem vorhandenen Agrarbudget der EU, aus den Geldern der nationalen Stützungsprogramme oder von den Mitgliedstaaten selbst finanziert werden. Die EU-Abgeordneten waren sich dagegen erfreulicherweise darüber einig, dass eine derartige Krise im normalen Agrarbudget nicht eingeplant war und dass die Folgen dieser Krise nicht mit einer Umschichtung innerhalb des Agrarbudgets, sondern durch ein Extrabudget ausgeglichen werden müssen. Sie forderten die Branche auf, hier gegenüber der Kommission und dem Rat nicht »locker zu lassen«. Diesem Rat werden wir folgen!

de_DEDeutsch
Nach oben
Cookie Consent with Real Cookie Banner