Nüchtern betrachtet

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Die Hundstage stehen uns zwar noch bevor. Der Sommer hat aber bereits im Juni ordentlich Gas gegeben. So hatten vielleicht auch Sieschon die Gelegenheit, bei der ein oder anderen Hochzeits- oder Geburtstagsfeier in der Mittagssonne ordentlich ins Schwitzen zu kommen. Wer inder Hitze einen klaren Kopf behalten und trotzdem nicht mit Wasser anstoßen möchte, freut sich, wenn der Gastgeber vorausschauend alkoholfreie Alternativen für die klassischen »Anstoß-Getränke« vorgesehen hat. Alkoholfreies Bier und alkoholfreie Cocktails gehören schon zum Standard, alkoholfreie Weine sucht man dagegen oft noch vergeblich auf dem Tablett der Bedienung.

Warum lassen wir uns dieses Marktsegment bisher zu einem großen Teil entgehen, fragte ich mich vergangenes Wochenende auf einem 40. Geburtstag, als ich mich nach alkoholfreien Getränken erkundigte. Wenn es um  alkoholfreies Bier ging, rümpften vor 15 Jahren auch noch viele die Nase. »Ich trinke ein richtiges Bier oder gar nichts« — solche Aussagen gehören mittlerweile der Vergangenheit an. In Deutschland wird alkoholfreies Bier immer beliebter. Vor allem im Hitzesommer 2018 war das autofahrertaugliche Hopfengetränk sehr gefragt. In dem Jahr produzierten deutsche Brauereien davon nämlich gut sechs Millionen Hektoliter. Mittlerweile ist der Anteil am gesamten Bierabsatz auf sieben Prozent gestiegen. Als Grund für den gesteigerten Konsum alkoholfreier Biere wird neben der verbesserten Qualität insbesondere das gestiegene Gesundheitsbewusstsein gesehen. Aus unterschiedlichsten Erwägungen stehen immer mehr Konsumenten selbst einem moderaten Alkoholgenuss kritisch gegenüber.

Deshalb ist es als positive Entwicklung zu sehen, dass diese mittlerweile auf eine breite Auswahl an alkoholfreien Getränken zurückgreifen können. Auch einige deutsche Weinerzeuger halten für diese Zielgruppe erfreulicherweise ein
adäquates Angebot bereit.

Im April haben unsere politischen Vertreter in Brüssel ebenfalls das Potenzial dieser Käuferschicht bzw. den Wandel im Konsumverhalten erkannt und sich dafür ausgesprochen, sogenannte »entalkoholisierte und teilentalkoholisierte Weine« in die EU-Weinregelungen einzubeziehen. Diese Entscheidung war nicht unumstritten, insbesondere die Südeuropäer sahen sie sehr kritisch: Diese alkoholfreien Produkte seien keine Agrar- sondern Industrieprodukte undgehörten deshalb nicht in eine gemeinsame Marktordnung für Agrarprodukte.

Angesichts einer bereits bestehenden deutschen Regelung zu alkoholfreien Weinen wäre eine einheitliche europäische Regelung für den deutschen Weinsektor hingegen durchaus begrüßenswert. Voraussetzung wäre natürlich, dass bestehende deutsche Regelungen wie die Bezeichnung »alkoholfrei« erhalten bleiben. Zudem sollte die für Wein geltende Verschnittregelung künftig auch auf alkoholfreien und alkoholreduzierten Wein anzuwenden sein. Würden alkoholfreie Weine in die EU-Weinregelungen einbezogen, ginge davon auch ein Impuls an Wissenschaft und Technik aus, die Verfahren zur Entalkoholisierung weiter zu verbessern. Oft wird die geringe Verbreitung des alkoholfreien Weines darauf zurückgeführt, dass der Alkohol einen besonders großen Einfluss auf den Geschmack und das Bouquet hat. Es bleibt abzuwarten, ob das neu gewählte EU-Parlament nach der Sommerpause das bisherige Gesetzgebungsverfahren zur Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik im Sinne des alten EU-Parlaments fortführen wird und die Regelungen zu den alkoholfreien Weinen beibehält. Für den Ausbau dieses Marksegments wäre das jedenfalls von großer Bedeutung.

de_DEDeutsch
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